Dienstagspost: Unerzogen leben-Beziehung statt Erziehung

 Hallo meine Lieben,

 

heute übernimmt meine liebe Wiebke die Schreibfeder für den Dienstagspost. Kennengelernt habe ich sie über ihren Instagram-Account. Wir tauschen uns regelmäßig aus was die Erziehung angeht, bzw „erzieht“ Wiebke die Piepmadame unerzogen.

Los geht’s und Bühne frei…

 Beziehung statt Erziehung

Bildrechte @piepmadame

„Du kannst doch dein Kind nicht immer machen lassen, was es
will!“

„Wie soll das funktionieren ohne Grenzen?! Lässt du es dann
auch einfach auf die Straße rennen und es soll selbst schauen, was dann
passiert?!“

„Es kann sich doch nicht alles immer nur um das Kind drehen!
Also spätestens wenn Nr. 2 kommt, könnt ihr SO nicht mehr leben!“

„Wenn du dein Kind immer allein entscheiden lässt, musst du
dich nicht wundern, wenn es auszuckt – du überforderst es vollkommen.“

Und so weiter.

So oder so ähnlich sehen 99% der Reaktionen aus, wenn ich davon
erzähle, dass wir „unerzogen“ miteinander leben. Die Liste der
Vorurteile ist lang und länger und der kleine Tyrann angeblich längst
vorprogrammiert. Dabei ist unerzogen genau das Gegenteil von diesen
Vorurteilen.

Bedürfnisse – deine, meine, unsere 

Dem unerzogenen Leben „vorgelagert“ empfinde ich die
Bedürfnisorientierung. Kurz: Die Bedürfnisse des Kindes werden gesehen, gehört
und erfüllt.

Aber selbstverständlich habe auch ich Bedürfnisse. Oder mein Mann.
Oder wir als Paar. Oder (später dann) ein zweites Kind. Und an dieser Stelle
beginnt die „Arbeit“: Welches Bedürfnis wiegt mehr? Wer kann (länger)
zurückstecken? Aber vor allem: Wie kann man alle Bedürfnisse unter einen Hut
kriegen?

Statt „entweder/ oder“ versuchen wir zu
„UNDen“, wo es nur geht. Gemeinsam statt jeder für sich. Dafür
braucht es Geduld, Kreativität und ein Stück weit Erfahrung aus vorangegangenen
Situationen, aus denen man lernen konnte.

So wird aus „Wenn du nicht zum Tisch kommst, gibt es eben
nichts zu essen!“ ein „Wir haben jetzt Hunger und wollen mit dir
gemeinsam essen – wir können zusammen am Sofa picknicken!“

Aus „Wenn du dich nicht anziehst, können wir nicht
rausgehen!“ wird „Ich will gern raus, komm ich nehme deine Sachen mit
und du ziehst sie draußen an, wenn dir kalt ist!“

Aus „Hör auf mit dem Essen zu spielen, sonst nehme ich dir es
weg!“ wird „Ich sehe, dass du untersuchen möchtest, was du isst.  Ich will aber später nicht alles
putzen. Bitte wirf das Essen danach in diese Schüssel.“

Die Aufgabe liegt darin, die eigenen Bedürfnisse verbalisieren, um
so authentisch in der Reaktion zu werden, eine Alternative zu suchen und
Kompromisse zu finden und – dazu Angstfrei leben.

Denn nur, weil ihr mal am Sofa picknickt, wird euer Kind nicht
plötzlich verlernen am Tisch zu essen! Auch dann nicht, wenn das
„mal“ fünfmal hintereinander sein muss. Es wird nichts passieren –
außer, dass ihr ein harmonisches Essen miteinander habt. Versprochen.

Die Sache mit den Grenzen…

Allgemein wird behauptet, Eltern müssten Grenzen setzen, um das
berüchtigte auf-der-Nase-tanzen zu verhindern… ich persönlich finde, dass das
Blödsinn ist.

Denn Grenzen, die wir uns ausdenken, verhindern in erster Linie
Beziehung! Meistens sind diese ausgedachten Grenzen nämlich nur dazu da, uns
Erwachsenen das Leben zu erleichtern… weil wir zum Beispiel keine Lust haben
schon wieder aufzuräumen. Deswegen erfinden wir Grenzen, die wir meinen mit
allen uns möglichen Mitteln zu verteidigen (wenn/dann, bis drei zählen etc).
Und dieser Machtmissbrauch verhindert dann eben wirkliche gleichwürdige
Beziehung. (Die Lösung ist auch hier das UNDen anstatt nur den eigenen Willen
auf Kosten des Kindes durchzusetzen!!)

Darüber hinaus gibt es zahlreiche natürliche Grenzen: Grenzen, die
einfach DA sind. Denn selbstverständlich läuft mein Kind nicht unbeobachtet auf
die Straße, spielt allein mit offenem Feuer oder haut auf andere Kinder ein.
Grenzen sind dort, wo wir vor Lebens- und Gesundheitsgefahr schützen müssen
oder die persönliche Freiheit eines anderen verletzt wird! Und damit gibt es
mehr als ausreichend Grenzen, um zu lernen wir das Leben und das Miteinander
funktioniert.

Beziehung statt Erziehung – niemals allein 

Und weil wir nun wissen, dass alle Bedürfnisse wichtig sind und
wir uns nicht in einem grenzenlosen Raum bewegen – ist auch ganz schnell klar
was statt Erziehung passieren muss.

Denn jetzt einfach nur die Erziehung wegzulassen würde ganz klar
zu einem verwahrlosten Laisser-faire Zustand führen – aus dem dann auch schon
mal ein kleiner Tyrann entwächst.

Das Kind wäre sich selbst überlassen, hätte keine Anhaltspunkte
mehr und wäre natürlich überfordert.

In den Raum der entsteht sobald wir Erziehung weglassen muss also
Beziehung treten: ich bin bei meinem Kind. Immer!

Einmal lebe ich VOR und geben dadurch Orientierung und dann lebe
ich MIT und leite das Kind durch die Situation. Ich erkenne was gerade
passiert, um das Kind herum, aber auch im Kind drin. Ich helfe, verbalisiere,
fühle mit.

In einem Leben ohne Erziehung ist niemand alleine. Wir halten uns
an den Händen, sehen uns in die Augen und spüren wie es dem anderen geht.

Erziehung wegzulassen ist nicht leicht. Besonders dann nicht, wenn
man es schon ein paar Jahre so gemacht hat wie es nun mal erwartet wird.
Erziehung wegzulassen bedeutet sich mit sich selbst, den eigenen Eltern und der
eigenen Kindheit (manchmal schmerzhaft) auseinanderzusetzen. Erziehung
wegzulassen bedeutet, dass man ganz viele Situationen erstmal auch aushalten
lernen muss.

Doch mit der Zeit wird es leichter. Wenn/dann Drohungen werden
absurder. Bis drei zu zählen fühlt sich lächerlich an. Stattdessen ist da Stolz
über jede „neu“ gemeisterte Situation. Über jedes in Beziehung gehen.
Über das Erkennen in der Tat des Kindes. Über die Erkenntnis, dass es anders geht.

Und so wächst man, versteht mehr und kommt an – in einem Leben
ohne Erziehung.

Danke liebe Wiebke für Deine Gedanken.

Wie seht Ihr das? Erzogen oder unerzogen?

Liebe Grüße aus dem Norden, Eure Evi 

 

7 Kommentare

  1. Meiner Meinung nach definitiv eine gute Methode. Was ich mich allerdings frage, wie geht es weiter. Die genannte Situation mit dem Essen und der Schüssel. Wie agiere ich denn, wenn diese Bitte vollends ignoriert wird und das Essen trotzdem überall landet und nicht in der Schüssel. Und so eben auch bei vielen anderen Situationen …. was mache ich dann ? Ansonsten aber wie gesagt ein Konzept, über das ich sicherlich nachdenke werde. Danke für den tollen Beitrag.
    Gruß Jana

    • Genau die Frage hat sich mir auch sofort gestellt! Ansonsten alles super, aber wenn meine Kinder meine Bitte ignorieren bringt es uns ja auch nicht weiter. Ich hoffe wir bekommen eine Antwort ????

  2. Ich finde es im Familienrahmen nicht schlecht – aber es könnte Probleme geben, wenn die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Bei 20 Kindern in einer Kindergartengruppe oder sogar 30 Kindern auf der weiterführenden Schule ist das so meiner Meinung nach nicht machbar. Dort gibt es klare Regeln und Ansagen durch die Lehrer und Erzieher, sonst kann das Miteinander nicht funktionieren. Das ist dann sicherlich eine große Umstellung für die Kinder.

    • Wiebkes kleine Tochter geht bereits in den Kindergarten und ich würde meinen, es klappt ziemlich gut bei den beiden! 🙂 Kinder sind ja nicht dumm, die wollen sich anpassen. Und wenn sie im Kindergarten sehen, wie es die anderen machen, wollen sie es ganz schnell genauso machen. Sie können genauso wie wir unterscheiden zwischen "zuhause" und "woanders". Vertraut ihnen! 🙂

  3. Super guter Artikel! ��
    Ich hoffe es wollen und können immer mehr in Beziehung treten, statt zu erziehen. Das macht das Leben so viel wunderbarer.
    Hier sind die Kinder 10 Monate und 7 Jahre alt und es ist einfach herrlich ������

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